Sonntag, 22. Februar 2015

Pressefreiheit & Skandale

Die Wiener waren allerdings nicht nur begei­sterte Genießer, sondern auch begeisterte Zeitungsleser, vor allem, nachdem in der Stadt "das Licht angegangen" – und die staatliche Kontrolle abgeschafft worden war. Das geschah am 14. März 1848 mittels eines amtlichen Posters, auf dem verlautet wurde, dass "seine k.k. Apostolische Majestät die Aufhebung der Zensur und die alsbaldige Veröffentlichung eines Pressegesetzes allergnädigst zu beschließen geruht haben." Prompt brach ein Zeitungsgrün­dungsfieber aus, das innerhalb eines Jahres mehr als 300 periodische Druckschriften zur Folge hatte – darunter seriöse Tageszeitungen wie "Die Presse", deren Konzeption, Aufmachung und Gestaltung einem französischen Vorbild folgte, aber auch so skurrile Boulevardblättchen wie eine Zeitschrift namens "Die Geheimnisse von Wien", die ihren interessierten Lesern skandalöse "News" aus der feinen Gesellschaft enthüllte.
Sein und Schein, Skandale und Skandälchen prägten allerdings nicht nur den Blätterwald, sondern auch das Wiener Baugewerbe. Es wurde vorgetäuscht, was nur vorzutäuschen war. Naturstein beispielsweise, der in Form von Simsen und Zierleisten, Perlenbändern und "lau­fenden Hunden" (Wasserwellen), Kymatien (Blätter) und Ochsenaugenbändern "gegossen" und von Architekten als Meterware geordert werden konnte. Oder falscher Marmor, der mittels "Stuccolustro" erzeugt wurde, einer Maltechnik, die billigen Gips wie teuren Kalkstein aussehen ließ. Die Wiener hatten nichts dagegen, von Meisterhänden hinters Licht geführt zu werden. Ihr Motto lautete – wie auch in vielen anderen Bereichen – schlicht, einfach und "echt wienerisch": Hauptsache, es kostet nicht allzu viel – und schaut trotzdem gut aus.

Wein in Wien







Es wird ein Wein sein und wir werden nimmer sein mit dem Wein...


Wenn der junge Wein seine Sturm- und Drangzeit hinter sich hat, haben die „Heurigen“ in Grinzing, Jedlersdorf und Neustift am Walde Hochsaison. Und das seit beinahe zweitausend Jahren. Denn am „ausgsteckten“ Buschen grüner Zweige erkannten schon die römischen Legionäre: Hier wird genussvoll gezecht.

Wiener Wein

"Die Stadt Wien und ihr Wein: eine einzigartige, schicksalhafte Partnerschaft, die so alt ist wie die Donaumetropole selbst", schreibt Oliver Gruen in seinem Wiener Weinführer aus dem Jahre 2005. Tatsächlich ist Wien die einzige Landeshauptstadt der Welt, die über eine beträchtliche Weinproduktion - und damit über zahlreiche "echte" Heurige verfügt. Denn wer diesen Titel tragen will, darf ausschließlich Weine aus dem Eigenanbau verkaufen. In der Donaumetropole kein Problem: rund 700 Hektar Weinberge gibt es innerhalb der Stadtgrenzen, denen 450 Winzer rund 700.000 Liter pro Jahr entlocken. Da bleibt so schnell kein Gast auf dem Trockenen sitzt - und auch kein Gastwirt.
Die Stadt Wien besitzt sogar ein eigenes Weingut mit Rieden in den besten Lagen, für das sich Bürgermeister Dr. Michael Häupl seit vielen Jahren engagiert: 1905 wurde oben auf dem Cobenzl eine städtische Meierei errichtet, seit den siebziger Jahren wird der Weinbau forciert und seit 1988 ebenso exklusiv wie innovativ betrieben. So wurden an einem "Tag der offenen Kellertüre" drei neue Weinlinien vorgestellt – "Classic", "Senator" und "Mayor", denen Experten Spitzenplätze in der Landesweinverkostung prophezeien.

Es wird a Wein sein

Aber nicht nur die Stadt und ihr Wein, auch die Wiener und der Rebensaft sind ein ganz besonderes Gespann. "Heurige", so ist der deutsche Gourmet-Kritiker und Weinkenner Wolfram Siebeck nach monatelanger Recherche in Nußdorf, Sievering und Heiligenstadt überzeugt, "sind mit Weinlaub umrankte Biedermeierfassaden, hinter denen die Wiener zur Welt kommen und ihre Identität finden. Ihr Reiz beruht auf ihrer romantischen Herkunft und der unerklärlichen Wirkung, die sie auf moderne Menschen ausüben."
Tatsächlich scheinen schon Sturm und Staubiger die Wiener ganz gewaltig zu mobilisieren. Kaum ist der trübe Trunk in den Gläsern, tauschen selbst Gourmets die komfortable Umgebung von Hauben- und Sternerestaurants für einige Zeit mit harten Holzbänken und dem rustikalen Charme handfester Buffet-Schmankerln. Denn die Mischung aus jungem Wein, bodenständiger Küche und luftigem Ambiente ist ein Genuss der besonderen Art.

Saures Vergnügen

Ein Genuss, den schon die alten Römer zu schätzen wussten. Vom süßen, schweren Rotwein ihrer Heimat verwöhnt, stieß ihnen der Rebensaft in den Lagern rund um Vindobona im wahrsten Sinn des Wortes sauer auf. 
Und weil übellaunige Soldaten keine Schlacht und schon gar keinen Krieg gewinnen können, ließ Kaiser Marcus Aurelius an den Donauufern und in Pannonien neue Weinberge anlegen.
Der Lagerkoller war damit zwar besiegt, ganz zufrieden dürften die Legionäre mit ihrer Degradierung zu Winzern und Feldarbeitern dennoch nicht gewesen sein: Sie erschlugen ihren Kaiser, bevor noch die ersten Trauben gekeltert waren.
Sauer blieb der Wein freilich trotzdem. Das belegt nicht zuletzt die Anekdote über Friedrich III, der nach einem ersten Probeschluck umgehend befohlen haben soll, den "Reifbeißer" vom Markt zu nehmen und ihn zum Anrühren des Mörtels beim Turmbau der Wiener Stephanskirche zu verwenden.

Das Ende des Dopplers

Heute haben die Wiener keinen Grund mehr zur Klage. Der Trend geht eindeutig in Richtung Qualitätsweine, sprich: weg von den berühmt-berüchtigten Doppler, hin zum Anspruch in der Bouteille. Statt einem Viertel "gemischter Satz", einem "Nußberger" oder "Sieveringer" bestellt man heute beim Heurigen ein Glas Sauvignon blanc, Chardonnay oder Blauen Burgunder.
Die meisten Jungwinzer haben eine hervorragende Weinbau-Ausbildung genossen und zeigten nicht zuletzt mit der Gründung der Vereinigung "Vienna Classic", dass sie auch in der Welt der großen Weine ein Wörtchen mitreden möchten – und wohl auch können. Denn bereits 2001 brillierte der Weißburgunder "Vollmondlese" vom Weinbau Christ aus Jedlersdorf beim Österreichischen Weinsalon und stach damit alle Konkurrenten in dieser Kategorie aus.

Wein, Weib & Gesang

Dass zum Weingenuss mehr gehört als ein volles Glas, wussten die Wiener schon immer. Offiziell hatten Frauen bis ins 18. Jahrhundert zwar keinen Zutritt zu Schenken und Heurigen - inoffiziell waren sie freilich überall mit von der Partie. So traf man im "Lothringerkeller" bei der Hofburg auf die so genannten Audienzschwestern, die gegen ein Seidel Wein mehr oder minder gute Ratschläge für den Umgang mit Beamten gaben, oder ließ sich im "Klosterkeller" von Karmeliterinnen bedienen, die freche Gstanzeln sangen.
Auch für Gesang wurde – und wird - allenthalben gesorgt. Nicht immer zur Freude stiller Genießer. Doch Wein und Musik sind beim Heurigen untrennbar miteinander verbunden. Nicht umsonst sang mit Hans Moser ein echter "Weinbeißer" seinen Landsleuten aus der Seele: "I muaß in meim Lebn amal a Reblaus gwesen sein…".